Flimmerfreundschaft: Wir können auch anders… (1993)

Das Kino ist ein kommunales Erlebnis. Über die Leinwand flackern bewegte Bilder und der Zuschauer zeigt in dem Moment erschreckend viel über seine Persönlichkeit.
Emotionen werden erlebt und Meinungen entstehen, die im Austausch offenbart werden.
Friedl-Von-Grimm und Michael möchten mit einer gemeinsamen Aktion diese Tiefe zelebrieren.
Zweimal im Monat bestimme ich das Sehverhalten der wundervollen Friedl-Von-Grimm.
Zweimal im Monat bestimmt Frau Von Grimm meine Filmauswahl.
2×2 Filmvorstellungen der Extraklasse. 4×10 Fragen, die die Betrachtungsweise des Anderen zeigt.
Willkommen bei der Flimmerfreundschaft – zwischen Friedl und Michael!

# Flimmerfreundschaft Double Feature No. 002 #
Friedl suchte für mich „Wir können auch anders…“ (1993) von Detlev Buck aus.

A) Die Story empfand ich als…
toll! Die Brüder Rudi und Moritz Kipp begeben sich auf die Reise, um in Ostdeutschland das Erbe ihrer verstorbenen Oma anzutreten. Die Kipp-Brüder sind beide nicht sehr helle, aber auf ihre Art und Weise sehr unschuldig und süß davlcsnap-2018-06-17-00h58m35s503bei. Ihre Naivität ist großartig zu beschauen und bringt Witz.
Sie werden von Viktor, einem russischen Deserteur, der in seine Heimat möchte, als Geiseln genommen. Ohne die deutsche Sprache zu beherrschen werden die drei auf dem Weg zu so etwas wie Freunde.
Viktor ist gleich unbedarft und führt die Brüder, durch seinen Besitz eines Sturmgewehres, in ein Abenteuer.

B) Mir ist besonders aufgefallen, dass…
die Drehart unglaublich toll ist. Ich liebe die authentische Drehart, die einige tolle Aufnahmen der deutschen 1990er Jahre festhält. Ein Zeitdokument, das auf 16mm-Film gebannt ist, das ebenso einige großartige Kameraeinstellungen und Bewegungen innehält.
Ich liebe die Szene, in der das Trio in die Kneipe kommt, wo die Skinheads sitzen.
In einer Einstellung sehen wir zuerst Viktor, danach taucht Moritz mit seinem Gesicht auf, bevor noch Rudi im Vordergrund zu sehen ist.
Irgendwie alles sehr lebensecht und organisch.

C) Meine liebste Szene war…
das Erscheinen von der rothaarigen Nadine mit den wunderbaren roten Fingernägeln.
Ich bin verliebt.vlcsnap-2018-06-17-01h10m38s835
Und mit ihrem Auftreten habe ich sofort gewusst, dass sie der Gang angehören wird, was nicht verkehrt ist, da sie ja so wundervoll verschroben sind.
Es sind auch viele kleine Momente, die mir in dem Film zusagen: Moritz haut Rudi mit einem Paddel.
Gebrauchtladen-Manni verkauft ein abgewracktes Boot an die Brüder und hat weitere tolle Gimmicks in seinem Laden: Der Whiskey-Zigarettenbehälter!
Die Landstraßenbande wird toll vorstellt und hat einen gleichermaßen ansehnlichen Abgang ins Wasser.

D) Ich habe diesen Film noch nicht gesehen, weil…
ich nicht wusste, dass er existierte.
Der Film hat zwar den Lola-Award gewonnen und Regisseur Detlev Buck könnte gekannt werden durch neuere Filme wie „Rubbeldiekatz“ (2011) und einigen „Bibi & Tina“ Verfilmungen (2014-2017), aber er war nicht auf meinem Radar.
Aus diesem Grund ist die Aktion mit Franzi sehr kostbar!

vlcsnap-2018-06-17-01h08m31s160E) Friedl-Von-Grimm hat mir diesen Film empfohlen, da…
sie deutsche Filme und die deutsche Geschichte mit dem Kapitel „DDR“ mag?
Zudem sind alle Charaktere wunderbar – selbst die Nebenrollen – sodass Friedl den Film sicher sehr lieb gewonnen hat.

Ab hier sind Franziskas gezielte Fragen zu dem Film.

1. Wie zugänglich hältst du den Film für die Postwendengeneration?
Ich konnte wenig Wende in dem Film erkennen. Das Thema rund um die DDR ist mir nicht ins Auge gesprungen, wobei ich mich mit der DDR und der Wende im Allgemeinen nicht auskenne. Interessanterweise hat es nie eine gewichtete Rolle in meinem Leben gespielt.
Ich halte ihn hier sehr zugänglich, da der Film auch kein allzu großes Hintergrundwissen verlangt. Indirekt zeigt der Film aber ein sehr gutes Bild – wie man sich (Ost)Deutschland vorstellen kann.
Da der Film aber eine spezielle Drehweise hat, zudem sicher ein niedriges Budget hatte, wird er der neuen Generation kaum zugänglich sein. Allein den Gebrauch der Landkarte reicht aus, damit ein neues Publikum in hässliches Gelächter im Kino ausbricht.

2. Empfindest du den Film als typisch deutsch?
Ja! Aber auf eine andere Weise, als du denken könntest.
Für mich gibt es keine klare Definition eines typisch Deutschen. Oder von typisch Deutschem.
Es ist ein Konstrukt, das Grenzen und Ausgrenzung fördert.
Menschen und Nationen können und sollten aber alles sein. Flexible Weltler.vlcsnap-2018-06-17-01h18m40s160
Typisch deutsch – im Sinne von Klischees – erkenne ich in dem Film weniger.
Die Skinheads würden mir hier am ehesten Einfallen.
Die Ausstattung bringt mir ein Nostalgie-Gefühl. Sieh dir nur die grünen deutschen Polizeiwagen an. So deutsch!

3. Roadtrips sind ja ein etappenreiche Abenteuer, wo manchmal auch das Ziel ungewiss ist. Wo wärst du im Film verweilt?
Dieses Werk ist ein Road-Movie durch und durch. Witzig, dass die Locations nicht zum dauerhaften Verweilen einladen. Es sind auch eher Durchgangs-Orte – wie Einkaufsläden, Tankstellen, Imbisse, Restaurants, Landstraßen.
Verweilen würde ich wegen Nadine, weil sie etwas Besonderes hat.
Verweilen würde ich bei Omas Erbe oder dem größeren Anwesen, weil es meinen Traumhäusern gleichkommt – alt, fast ruinenmäßig, aber mit der Schönheit der vergangenen Tage behaftet.

4. Fremdelst du mit dem Dekor, der Landschaft und dem Geist des dort dargestellten Deutschlands?
Fremdeln? Scheu gegenüber der Umgebung sein?
Nein. Ich liebe die Darstellung und stellenweise konnte ich mich an meine 1990er Zeit erinnern, in der ich 0-8 Jahre alt war. Wenig Digitales, Natur pur, zerfallene Bauten.
Und ganz interessant: Menschen mit eigenen Charaktereigenschaften.
Egal, ob überspitzt dargestellt oder verrückt.
Heute sind für mich viele Menschen gleich. Konformer Einheitsbrei.

5. Wie würde ein Remake im Jahre 2018 dazu aussehen? Und was wäre daran gut/schlecht?
Mein Remake würde in der Zukunft spielen und wahrscheinlich das Thema der EU behandeln.
2 schrullige Brüder in einem abgespacten, aber realen Zukunfts-Europa. Technik am Limit und an der Grenze zum Bösen + aktuelle Themen, die die Gesellschaft jetzt – also 2018 – interessiert.
Aber alles sehr indirekt verpackt, sodass der unterhaltungswert nicht verloren geht.

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„Wir können auch anders…“ (1993) war die zweite Flimmerfreundschaft-Filmauswahl von der lieben Friedl-Von-Grimm. Zusammenfassend ein tolles Zeitdokument der 1990er Jahre.

Friedl-Von-Grimm hat „The Big White“ (2005) gesehen.
Ein Film mit tollem Cast und – wie komisch – ebenfalls abgefahrenen Charakteren.

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